Ein verlorener BH stoppte die Karussells

Skandal! Ein Büstenhalter ist in der Raupe der Familie Wittler gefunden worden. Die Polizei befürchtet den Verfall der Sitten und schließt den Jahrmarktsbetrieb. Dann verkündet sie: Das Raupenverdeck darf künftig nur noch zehn Sekunden geschlossen bleiben. Das war in den 1950er-Jahren. Doch die Schausteller hatten diese Klausel bis vor wenigen Jahren zu unterzeichnen, wenn sie beim Osnabrücker Jahrmarkt mitmachen wollten.
Es sind auch solche etwas bizarren Geschichten aus der regionalen Schaustellerei, die das Museum Industriekultur ab morgen in der Ausstellung „Hoch hinaus und rund herum. Von Jahrmarkt und Kirmes“ zeigt. Es ist eine Schau zum Mitmachen, zum Anfassen, zum Ausprobieren und in Erinnerungen schwelgen.
Sitze von Kettenkarussells baumeln im Magazingebäude von der Decke. Bequem können Besucher darin schaukeln, während sie Dias vom Jahrmarkt früherer Zeiten betrachten. Zu sehen sind Kinder mit mächtigen Wollmützen, die zwischen den Buden schlendern, und Erwachsene, die mit den Händen in Käfige langen, um Löwen zu streicheln.
„Mir war das Labyrinth der Meerschweinchen immer lieber“, murmelt Ewald Telsemeyer. Das Vorstandsmitglied des Schaustellerverbandes Weser-Ems grinst: „Die wurden so lange eingesetzt, bis sie zu dick und zu groß waren und nicht mehr durch die Tore passten.“ Wer früher ein paar Pfennige über hatte, der konnte darauf wetten, welches der kleinen Viecher als Erstes ein Labyrinth durchlaufen hatte. Zu gewinnen gab es kleine Preise.
Telsemeyer war es auch, der den Anstoß für die Schau geliefert hatte, die Ausstellungsmacherin Barbara Kahlert mit viel Gespür für Details und Stimmungen umgesetzt hat.
Telsemeyers Großvater hatte das Karussell 1923 gekauft, das jetzt im Zentrum des Raumes thront. Bis kurz unter die Decke ragt es hinauf, zerlegt in 1500 Einzelteile hat Ewald Telsemeyer das gute Stück hineingetragen und mit Helfern sorgsam aufgestellt.

Kindheit am Karussell: Schon als Vierjähriger durfte Ewald Telsemeyer beim Waschtag helfen.

Zwischen 1905 und 1910 wurde es gebaut, und vor einem Jahr ist Ewald Telsemeyer mit der Idee auf das Museum zugegangen, das Karussell zu dessen 100. Geburtstag auszustellen. Nach ersten Recherchen entschlossen sich Barbara Kahlert und Museumsdirektor Rolf Spilker, eine ganze Ausstellung zum Thema Jahrmärkte zu gestalten.
Kindheitstage leben auf, wenn das Karussell langsam startet und, bestückt mit Pferden, Booten und Kutschen, Fahrt aufnimmt. Mit einem Knopf löst Telsemeyer die Stromzufuhr aus, um dann mit dem Wasser-Anlasser die Fahrt zu beginnen und das Tempo zu regulieren. Es ist ein Bottich mit Salzwasser im Inneren des Karussells – eine berückend einfache Technik, mit der das Karussell bis heute beispielsweise auf dem Osnabrücker Weihnachtsmarkt seine Runden dreht.
„Fahrpreis 35 Pfennige pro Person“ verkündet ein Schild, das heute nicht mehr gilt. Auf dem Rummel kostet die Fahrt nun 1,50 Euro, drei Minuten dauert sie. „Es ist, als hätten die Leute eine innere Uhr, denn dann werden sie unruhig“, sagt Ewald Telsemeyer.
Fahrgeschäfte wie das Karussell kamen erst später zum Angebot einer Kirmes dazu. Das Wort entlehnt sich aus dem Begriff „Kirchmess“ und zeigt, dass diese Veranstaltungen sich nach dem Kirchenjahr richteten.
Die Kopie eines Bildes von Pieter Brueghel (1564–1638) macht deutlich, wie Kirmes früher gefeiert wurde – mit Bier, Tanz, Essen und Quacksalbern – und wie sich das Fest immer weiter von der Kirchmess entfernte. „Hier ist eine Frau bei ihrer Hochzeit zu sehen. Sie ist schwanger“, erläutert Spilker das Gemälde, mit dem der Künstler seinen Zeitgenossen den Spiegel vorhielt.
„Jahrmärkte haben seit jeher Innovationen in die Welt getragen“, erzählt Heinz Frickenschmidt, der Ehrenvorsitzende des Schaustellerverbandes Weser-Ems. In jüngster Zeit seien hier die ersten Gyros zu probieren gewesen, zuvor waren es türkischer Honig und andere Köstlichkeiten aus fernen Ländern.
Im 18. Jahrhundert konnten einfache Leute auf dem Rummel Dinge entdecken, die sonst dem Adel oder reichen Bürgern vorbehalten waren, wie die Laterna Magica oder Bilderautomaten. Einige hat Barbara Kahlert von Sammlern entliehen und in einem Raum zusammengestellt. Mit zwei Cent können Besucher ein vollautomatisches Daumenkino in Gang setzen, mit einem Knopfdruck die „Belustigung für Männer“ aus dem Jahr 1920. Sie zeigt Dinge, für die die Osnabrücker Polizei sicherlich nicht nur ein Fahrgeschäft stillgelegt hätte.
Im Mittelalter blickten die Städter mit Misstrauen den Händlern entgegen, die Seltsames, Neues und Unterhaltsames in ihre Stadt brachten. Mit einem ausgeklügelten Vertragssystem setzten die Städte dem Treiben Grenzen, das innerhalb ihrer sicheren Stadtmauern ablief. Auch hierzu haben Barbara Kahlert und Rolf Spilker Wissenswertes zusammengetragen, wie die „Verordnung der Stadt Osnabrück wegen des Handelns und Hausirens (!) im Jahrmarkte vom 19. December 1779“. Oder die Liste der Händler, die an den drei Tagen des Jahrmarktes im alten Rathaus ihre Waren feil bieten durften. Es stand dort, wo heute die Stadtbibliothek zu finden ist. Eine Zeit lang habe die Kirchmess im Kreuzgang des Domes stattgefunden, erzählt Spilker.
Einen Raum widmet die Ausstellung dem Alltag der Schausteller, die früher in hölzernen Wagen durch die Lande fuhren. „Es war kein einfaches Leben“, erzählt Heinz Frickenschmidt, der mit seinen 71 Jahren einen guten Teil der Entwicklung mitgemacht hat.
Gezogen wurden die Behausungen der Schausteller einst von Pferden, später von Lokomobilen, dann von Traktoren der Firma Lanz. Heute sind es Lastwagen, die die Händler vor ganz andere Probleme stellen: „Die sind nicht geeignet, um durch die Umweltzonen mancher Städte zu fahren“, erzählt Otto Cornelius, der erste Vorsitzende des Schaustellerverbandes, von Alltagsproblemen. Der Verband möchte solche und weitere Schwierigkeiten für seine Mitglieder lösen. „Neue Maschinen anzuschaffen rechnet sich einfach nicht“, sagt Cornelius seufzend. „Wir wollen, dass es wieder rundgeht“, betont der Schausteller.
Stets hat sich sein Gewerbe weiterentwickelt, wie auch die Geschichten rund um die Autoskooter zeigen, von denen die Ausstellung zwei Modelle zeigt. Das lässt auch die Schausteller hoffen, die beim Rundgang durch die Präsentation erahnen lassen, wie sehr sie ihren Beruf lieben, trotz aller Widrigkeiten wie der Verdeckklausel im Schausteller-Vertrag.
Damals hat die Polizei ernsthaft gemessen, wie viel Zeit notwendig ist, um einen „Damenbüstenhalter“, wie Cornelius ihn bezeichnet, zu öffnen. Sagenhafte 25 Sekunden. „Anfänger!“, urteilt eine junge Frau. „Damals waren die BHs noch ganz anders konstruiert und viel komplizierter zu öffnen“, sagt eine ältere. Und schon allein solche Details machen den Besuch in der Ausstellung zu einem interessanten Erlebnis.

Schausteller Ausstellung Museum Industriekultur

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